Hans Förstl


glueck_problem


Glück als Problem

AVISO

Sanity and happiness are an impossible combination.
Mark Twain (1916) The Mysterious Stranger

Der britische Psychologe Richard Bentall ging noch einen Schritt weiter als Mark Twain und machte den Vorschlag Glücklichsein (happiness) als psychische Erkrankung aufzufassen; es sei nämlich statisch abnorm, bestehe aus einer bestimmten Kombination von Symptomen und sei mit einer Reihe intellektueller Veränderungen assoziiert, die eine abnorme Hirnfunktion verrieten. Bentall räumte ein, dass Glück nicht negativ bewertet werde und daher kaum als Leiden aufzufassen sei, verwarf diesen Einwand jedoch als wissenschaftlich irrelevant!

Tatsächlich treten unangemessene Glücksgefühle bei manchen eindeutig diagnostizierbaren psychischen Erkrankungen auf, so etwa bei der Manie als positiver Schwankung einer bipolaren affektiven Psychose, bei bestimmten Verlaufsformen der Schizophrenie (z.B. der Hebephrenie, oder der sogenannten „Angst-Glücks-Psychose“), kurzfristig auch bei hysterischen Persönlichkeitsvarianten. Dabei handelt es sich im Allgemeinen um kein reines Vergnügen, sondern eine prekäre Mischung aus Euphorie und Absturzgefahr. Bei einigen neurologischen Erkrankungen können die Patienten unverständlich heiter wirken; dies ist mitunter bei der Multiplen Sklerose oder bei Stirnhirnläsionen der Fall, vor allem wenn die Einsichtsfähigkeit verloren geht. Nach bestimmten Hirninfarkten leiden die Patienten dagegen subjektiv darunter, dass sie ihre Gefühle, ob Weinen oder Lachen, nicht zurückhalten können („emotionale Inkontinenz“). Autistische Kinder wirken bei ihren Lieblingsbeschäftigungen glücklich in sich gekehrt. Geistig Behinderte, etwa mit einer Trisomie 21 (Down Syndrom), scheinen häufig aussergewöhnlich gesellig und Glücks-fähig. Bei dem seltenen, ebenfalls genetisch verankerten Williams-Beuren-Syndrom geht die Intelligenzminderung mit einer besonders naiven Fröhlichkeit und Arglosigkeit einher.  

Patienten mit Parkinsonscher Schüttellähmung, die nach Einnahme Dopamin-ähnlicher Medikamente wieder vermehrt – manchmal übertrieben – beweglich sind, wirken nicht nur entlastet, sondern oft geradezu euphorisch, solange die Wirkung der Medikamente anhält. Weit zweifelhaftere Glücksbringer werden als Schlaf- oder Beruhigungsmittel verkauft. Diese Substanzen sollten eigentlich dem Betäubungsmittelgesetz unterworfen werden, da sie in  den Giftschrank und nicht ins Nachtkästchen gehören. Sie wirken prompt, wohltuend, entspannend, Angst-lösend, Schmerz-lindernd – und zuverlässig Sucht-erzeugend. Der rasche Weg zum vermeintlichen Glück wird weit häufiger von braven, einsamen, traurigen älteren Mitbürgern eingeschlagen, als von haltlosen jugendlichen Junkies.

Die Pharmakologie der süchtig machenden Substanzen ist vielfältig. Schlafmittel entlasten die GABA-ergen Nervenzellen, die für die Dämpfung und Filterung im Zentralnervensystem zuständig sind; Heroin, Opium und auch Nikotin beeinflussen die hirneigenen Opioide; Kokain und Amphetamin wirken auf die Dopamin-Systeme. Einerseits handelt es sich also um Wirkstoffe, die unangenehme Gefühle reduzieren (negative Verstärkung), andererseits um Mittel zur Steigerung positiver Emotionen (positive Verstärkung)  Eine wesentliche gemeinsame Eigenschaft der Suchtmittel besteht darin, dass sie auf die subtilen Glücks-relevanten Mechanismen wirken wie ein Vorschlaghammer auf eine Briefwaage; die natürliche Glücksfähigkeit wird dadurch langfristig zunichte gemacht.  


Die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, ist im Schöpfungsplan nicht enthalten.
Sigmund Freud (1930) Das Unbehagen in der Kultur.

In diesem Punkt ist Freud mit seinem pessimistischen Wiener Zeitgenossen Wittgenstein einig, der angab, er wisse nicht genau wofür der Mensch auf der Welt sei, aber vermutlich nicht, um Spass zu haben! Freud sah die Ziele menschlichen Handelns zunächst im Vermeiden von Schmerz und Unlust, danach aber auch in der Trieberfüllung zur Lustbefriedigung. Daraus ergab sich für ihn, dass der Mensch häufiger Unglück, als Glück empfinde. Sogar Evolutionspychologen würden dieser Auffassung beipflichten und argumentieren, es gehe um den Erfolg der Gene und nicht um das Wohlbefinden eines Individuums. Die Gene können erfolgreicher weiter gereicht werden, wenn das Individuum in Stresssituationen rasch reagiert und dadurch überlebt, nicht aber wenn der Mensch gelassen und  heiter zuwartet.

Dementsprechend lassen sich im Gehirn grössere Areale zum Aufleuchten bringen, die bei Stress, Angst, Depression und anderen unangenehmen Zuständen aktiviert werden, während die schmächtigen „Glückszentren“ ein Schattendasein fristen. Kleine Kerngebiete im Hirnstamm produzieren  den Neurotransmitter Dopamin, der in Basalganglien und Hirnrinde nicht nur motorische, sondern auch geistige Beweglichkeit, Interesse und damit auch Freude  ermöglicht. Noradrenalin aus dem Locus coeruleus wirkt in niedriger Dosierung anregend und bei geringer Übersteuerung rasch aufregend. Serotonin aus dem dorsalen Raphe-Kern sorgt für Gelassenheit und Selbstsicherheit; Individuen hoch oben auf dem Affenfelsen schütten mehr Serotonin aus. Die genannten aminergen Botenstoffe, wie auch Endorphine und Azetylcholin komponieren mit subtiler Rhythmik und komplizierter Orchestrierung diverse Glücksempfindungen.

Erschwert wird deren experimentelle Untersuchung durch die unterschiedlichen Qualitäten und Dimensionen des Glücks. Sie umfassen den ultrakurzen Kick, die etwas längere, somatisch geprägte Lust, das reine, zweckfreie Vergnügen, die weltliche Fröhlichkeit, die reine Freude und noch längere Vorfreude und Hoffnung, oder die anhaltende Heiterkeit und die ewige Glückseligkeit. Wobei dem modernen, irdischen Belangen zugeneigten Menschen dieses letzte Stadium des Glücks häufig verschlossen bleibt. Eine besondere Variante des Glücks verdient noch Erwähnung - das Glück im Unglück (auf das Glück am Unglück, die Schadenfreude, wird hier nicht eingegangen).


La melancolie c’est le bonheur d’etre triste.
Victor Hugo (1866) Les Travailleurs de la Mer.

In bestimmten Epochen traf es  zu, dass der Melancholiker in seinem Zustand schwelgte, schwelgen musste. Der Gestus melancholicus des Denkenden, mit auf die Faust gestütztem, gesenktem Kopf, war seit der Antike ein gängiger Topos der bildenden Kunst. Die Humoralpathologie der Renaissance erklärte das trockene und kalte Temperament des Melancholikers durch das viele Studieren, das Flüssigkeit aus dem Körper ins Gehirn sauge, wo es verdampfe. Somit erzeuge also nicht die Melancholie das Genie, sondern umgekehrt entstehe sie durch die besonders angestrengte Geistestätigkeit. Kausalität hin oder her, ein heiteres Gemüt galt schon vor Mark Twain nicht Zeichen von grosser Geistesgaben. Spätestens seit Robert Burtons (1621) „Anatomie der Melancholie“ wurde dieser Zustand so weit verbreitet, dass er nicht mehr als exklusives Persönlichkeitsmerkmal der Hochbegabten durchgehen konnte. Zwar finden sich im 19. Jahrhundert wieder attraktive Darstellungen der Melancholie und die Bedeutung des Begriffs changiert zwischen der Belletristik als romantischer Tiefsinn und der Medizin als Sonderform der Depression.

Heute ist die Melancholie per Definition zur schwersten Form einer depressiven Episode heruntergekommen, die dringend behandelt werden muss. Und sie kann behandelt werden, selbst in einem Stadium, in dem die Betroffenen von guten Worten und ebensolchen Handlungen alleine nicht mehr profitieren. Hier hat sich in der psychiatrischen Pharmakotherapie eine Revolution vollzogen, von der die allermeisten Patienten zuverlässig profitieren. Psychotherapie gibt es seit Jahrtausenden, aber hinsichtlich ihrer Wirksamkeit überprüfte Verfahren erst seit wenigen Jahren. Keines davon kann ohne kompetenten Therapeuten zum gewünschten Ergebnis führen und der Erfolg besteht dabei in der Freiheit von quälender, depressiver Verstimmung, nicht in anhaltendem Glück. Antidepressive Medikamente führen ebenfalls  nicht zum raschen Glück und verursachen daher auch keine Sucht. Misslungene Psychotherapie dagegen kann in Ausnahmefällen abhängig machen; eine wesentliche Ursache dafür besteht in dem menschlichen Grundbedürfnis nach beglückender Zuwendung, das durch den Therapeuten – gleich welcher Ausrichtung - immer auch erfüllt werden muss.


Lieber reich und gesund, als arm und krank.
Anonym

Die Einflüsse von demographischen, psychosozialen und medizinischen Faktoren auf Glück, Glücklichsein, etc. wurde in zahlreichen Studien untersucht. Wegen der sehr unterschiedlich gewählten Ansätze lassen sich keine einfachen Glücksparameter ableiten. Mit einiger Konsistenz erwiesen sich aber folgende Faktoren statistisch als vorteilhaft: weibliches Geschlecht, Selbstsicherheit mit einem leichten Hang zur Extroversion, glückliche Vorbilder im Elternhaus, Glücklichsein als Kind, enthusiastische Grundeinstellung, Heirat und ein Interesse an TV-sitcoms (US-amerikanische Untersuchung!). Bei Frauen hat das subjektive Wohlbefinden weit  mehr mit körperlicher Attraktivität, Gewicht und Fitness zu tun als bei Männern. Generell wirken sich ungünstig aus männliches Geschlecht, Neurotizismus, Verwitwung und Scheidung. Ein jährlicher Einkommenszuwachs von € 100.000,- entspräche dem Glückseffekt einer Heirat, während der Verlust eines Partners theoretisch einem jährlichen Einkommensverlust von € 200.000,- gleich käme (wobei ärmere Bevölkerungsschichten keineswegs von entsprechenden Schicksalsschlägen verschont bleiben).

Im mittleren Lebensalter gewinnen berufliche und gesundheitliche Aspekte an Bedeutung: Selbstbestimmtheit (Autonomie), Einkommen (vor allem im Vergleich zum Einkommen des  Umfeldes), geringes soziales und Einkommensgefälle in einer Gesellschaft, die Gesundheit (vor allem die subjektiv empfundene Gesundheit) und die subjektive Lebenserwartung. Glücklicher sind diejenigen, die davon ausgehen, dass noch ein langer und erfüllender Lebensabschnitt bevorsteht.

Bei Älteren erweisen sich Lebenszufriedenheit, aufrecht erhaltene soziale Kontakte und Religiosität als positive Einflussgrössen, während sich soziale Isolation und Krankheiten negativ auf die Befindlichkeit auswirken, vor allem Muskel- und Gelenkschmerzen, Schlaganfälle, Bluthochdruck, Behinderungen und Gedächtnisstörungen.

Die Durchsicht derartiger Studien führt zum grossen Teil zu den erwarteten, mitunter sogar zu tautologischen Ergebnissen. Mitunter irritiert die grobe Rasterung von mehr oder weniger Glück („nicht-verbale Verhaltensweisen wie Mord, Selbstmord, Nervenzusammenbrüche, ... fungierten als Indikatoren...“).  Die Varianz der Ergebnisse ist gross; so gibt es zum Beispiel auch glückliche Männer.

Einige relevante Beobachtungen bestätigten sich aber wiederholt, zum Beispiel ein langfristiger Zusammenhang von Heiterkeit und Gesundheit, oder die mangelnde Nachhaltigkeit akuter Ereignisse. Auf der Basis unterschiedlicher Glücksbegabungen („set points“) werden Zufriedenheit und Glücksempfinden ständig rekalibriert, was das Glück eines plötzlichen Lottogewinns rasch dämpft. 

Andere Ergebnisse irritieren. So ist einerseits davon auszugehen, dass das Glück eines Menschen wesentlich von seinem Schicksal und der Bilanz zahlreicher positiver und negativer Lebensereignisse abhängt. Die Beobachtung, dass die Art der Lebensereignisse, denen er begegnet, wesentlich von der Persönlichkeit eines Menschen beeinflusst werden (Headay & Wearing, 1989) erscheint ebenso überraschend und politisch unkorrekt wie Oscar Wildes Beobachtung.


Some cause happiness wherever they go, others whenever they go.
Oscar Wilde

Wirtschaftlich darf Glück als komplexes Bedürfnis aufgefasst werden, das als Leistungsanreiz eingesetzt werden kann, dessen Erfüllung aber nicht im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen enthalten ist. Subjektiv erscheint Glück mit seinen Spielarten eher als „Moment“ - als Erlebnis zu kurz, als Ziel dehnbar und stimulierend. Sofern pharmakologische Interventionen nicht auf eine Erleichterung depressiver Symptome zielen, sondern auf eine Verlängerung des Glückserlebens, führen sie zu empfindlichen Sollwertverstellungen am Zentralnervensystem (Sucht und Trübsinn), die nur schwer wieder korrigiert werden können. Der Versuch, das Glück direkt zu fassen und fest zu halten scheint zum Scheitern verurteilt, da die körpereigenen Voraussetzungen zum Glückserleben  zu Dämpfung und Homöostase tendieren. Ein Trick lässt sich jedoch Erfolg versprechend einsetzen – selbst wenn Evolutionspsychologen diese Strategie sofort als „reziproken Altruismus“ und damit letztlich egoistischen Akt durchschauen – soziales Handeln beglückt nicht nur den Empfänger, sondern meist auch den Akteur.


Literatur:

Bentall R (1992) A proposal to classify happiness as a psychiatric disorder. J Med Ethics 18: 94-98

Headay B, Wearing A (1989) Personality, life events and subjective well-being: toward a dynamic equlibrium model. J Personality Soc Psychol  57: 731-739

Klibansky R, Panofsky E, Saxl F (1992) Saturn und Melancholie. Suhrkamp, Frankfurt

Nettle D (2005) Happiness – the Science Behind Your Smile. Oxford University Press, Oxford