Hans Förstl


Demenz_Bayern

Die „Alzheimersche Erkrankung“

- bayerische Entdeckung und internationale Herausforderung.

AVISO

Prolog

„Protocoll über die am 15. Juni 1886 Morgens 8 Uhr in der Koeniglichen Residenz zu München vorgenommene Section der Leiche Seiner Majestät Koenig Ludwig des
Zweiten von Bayern.
Anwesend sind: Seine Excellenz Minister des Äusseren Freiherr von Crailsheim; ... Professor Dr. Grashey, Oberarzt des Juliusspitales in Würzburg; ... Geheimrath Professor Dr. von Ziemssen; ... Obermedicinalrath Dr. Kerschensteiner. Die Obduction wurde vorgenommen von Universitätsprofessor Dr. Rüdinger unter Assistenz des Docenten Dr. Rückert. Das Sectionsprotocoll wurde verfasst von Geheimrath von Ziemssen unter Mitwirkung der übrigen anwesenden Sachverständigen:

... Gehirn im Gewicht = 1349 Gramm mit Inschluß der weichen Häute ... Die linke Hemisphäre zeigt an 3 Stellen atrophische Windungen und zwar: 1. Am Anfang der zweiten und 3. Stirnwindung. 2. Am Anfangstheil der ersten Stirnwindung. 3. An dem medialen Ende der hinteren Centralwindung und der hier angrenzenden Windungen des Scheitellappens. Die rechte Hemisphäre zeigt ebenfalls deutlich 3 ziemlich scharf markirte atrophische Stellen und zwar ebenfalls: 1. Am Anfang der 2. und 3. Stirnwindung. 2. Am Anfang der ersten Stirnwindung und am medialen Ende der vorderen Centralwindung. 3. In der Umgebung des mittleren Abschnittes der postcentralen Furche.“

Sechs Jahre später beschrieb Professor Arnold Pick die Symptome ähnlicher Hirnveränderungen. Neurodegenerative Erkrankungen, die vorrangig das Frontalhirn betreffen, führen zu seltsamen Veränderungen der Persönlichkeit und wurden in der Folge als „Pick-Krankheit“ oder frontotemporale Demenz bezeichnet.

Die fatale Auseinandersetzung zwischen Ludwig II. und dem Nervenarzt Professor Gudden, welche zu beider Tod führte, hatten bei der bayerischen Bevölkerung nicht zum Ansehen der Nervenheilkunde beigetragen. Gudden  war eine international bedeutsame Schlüsselfigur in der Entwicklung der Neurowissenschaften und hatte neben anderen Emil Kraepelin und Franz Nissl gefördert, der als Student eine neue Nervenzellfärbung entdeckt hatte. Nach Guddens tragischem Ende wurde der Münchner Lehrstuhl für Nervenheilkunde zunächst durch Hubert von Grashey, dann von Anton Bumm übernommen, die immerhin den Bau einer königlich bayerischen Nervenklinik auf dem Gelände des Krankenhauses links der Isar erwirken konnten.


Münchener Klassik

Als Emil Kraepelin aus Heidelberg zum Direktor der neu zu errichtenden Klinik berufen wurde, begab er sich zunächst auf eine lange Asienreise. Guddens Sohn Hans führte die provisorische Aufnahmestation. Heilmann und Littmann bauten. Am 7. November 1904 wurde die Klinik feierlich eröffnet. Kraepelin hatte Aloys Alzheimer mitgebracht, ein Glücksgriff in mehrfacher Hinsicht (unter anderem verfügte er über eigene Mittel und verzichtete auf ein Gehalt!).

Alzheimer war ein unermüdlicher Nervenarzt und Neuropathologe, der die Methoden seiner Zeit beherrschte. Bereits als Doktorand hatte er sich in seiner Arbeit über die Ohrenschmalzdrüse mit hirnnaher Histologie beschäftigt, in den Folgejahren unter anderem mit Hirnarteriosklerose und Demenz. Bereits 1898 schrieb er, dass die senile Demenz wohl die häufigste Geistesstörung überhaupt sei.

Alzheimer lieferte mehrere Zeichen einer effektiven wissenschaftlichen Vernetzung. Zum ersten hatte er die Loyalität seines früheren Frankfurter Chefs in einem Masse gewonnen, das dafür sorgte, dass dieser Professor Sioli im April 1906 das Gehirn einer Patienten nach München sandte, bei der die Demenz besonders früh aufgetreten und dramatisch verlaufen war. Alzheimer konnte nun mithilfe einer neuen Färbemethode neben den längst bekannten, später so genannten Alzheimer Plaques (Flecken), auch bisher bei jungen Patienten noch nie dargestellte fädige Strukturen, „Neurofibrillen„ in den Nervenzellen der Patientin nachweisen. Dieser frühe Krankheitsbeginn und die besonderen Hirnveränderungen bei der jungen Patientin erschienen ihm berichtenswert. Die Fachwelt jedoch nahm seinen Vortrag am 4. November 1906 in Tübingen kommentarlos hin.

Den zweiten Beleg für eine erfolgreiche Vernetzung lieferten die zahlreichen Gastwissenschaftler in Alzheimers Labor aus Russland, Polen, Italien, Spanien, den USA und anderen Ländern. München war zweifellos bis zum ersten Weltkrieg das internationale Mekka der Neurowissenschaft. Einige von Alzheimers Jüngern beschrieben später „eigene“  Demenzen, so z.B. H.G. Creutzfeldt, A.M. Jakob, F.H. Lewy und eigentlich auch S.C. Fuller.

Solomon Carter Fuller, geboren in Monrovia, Liberia, wurde der erste farbige Nervenarzt der USA. Er hatte in New York und Boston studiert und besuchte 1904/5 München. Fuller hatte sich vor Alzheimer mit der Neurofibrillenfärbung auseinandergesetzt und die „Alzheimer Pathologie“ bereits bei der senilen Demenz registriert. 1933 zog er sich aus dem akademischen Betrieb zurück, nachdem er den Lehrstuhl für Neurologie in Boston mehrere Jahre verwaltet hatte, bei der regelrechten Besetzung aber übergangen worden war. Alzheimer war höflich und respektvoll hinsichtlich Fullers Verdienst; Fuller war zu bescheiden, um die Krankheit des Jahrhunderts für sich zu reklamieren. – Aber eigentlich wäre zu überlegen, ob diese Erkrankung nach dem „Fullers disease“ genannt werden sollte.

Das wissenschaftspolitische Geschäft besorgte Kraepelin, der lange auf einen Beweis für seine Theorie der „Noxenspezifität“ gewartet hatte. Nun hatte Alzheimer demonstriert, dass eine bestimmte Konstellation neuropathologischer Befunde eine besondere neuropsychiatrische Erkrankung hervorrufen konnte, also eine Beziehung zwischen Morphologie und Symptomatik hergestellt, wie dies in anderen medizinischen Fächern bereits gelungen war. Die Proklamation der Alzheimerschen Krankheit in der Neuauflage seines Lehrbuchs der Psychiatrie (1910) zeigte die Loyalität gegenüber seinem Mitarbeiter Alzheimer und sie diente dem wissenschaftlichen Fach Psychiatrie.

„Eine eigentümliche Gruppe von Fällen mit sehr schweren Zelluntergängen hat Alzheimer beschrieben. ... die klinische Deutung dieser Alzheimerschen Krankheit ist zurzeit noch unklar. Während der anatomische Befund die Annahme nahe legen würde, dass wir es mit einer besonders schweren Form des Altersblödsinns zu tun haben, spricht dagegen einigermassen der Umstand, dass die Erkrankung bisweilen schon Ende der 40er Jahre beginnt. ... Der unmerkliche Übergang der ausgeprägten Formen des Altersblödsinns in die gewöhnlichen psychischen Veränderungen der Greise macht ihre scharfe Abgrenzung von der Gesundheitsbreite unmöglich.“ (Aus: Kraepelin, Psychiatrie, 8. Auflage, II. Band, 1910)


Epilog

Alzheimer und die Demenzen als bedeutende Aufgaben der Gesellschaft im Allgemeinen und der Medizin im Besonderen fielen in den folgenden Jahrzehnten langsam der Vergessenheit anheim. Erst in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts wiesen Hans Lauter und einige andere Forscher auf die Gemeinsamkeiten und die damit gemeinsame Bedeutung und potentielle Behandelbarkeit von präseniler „Alzheimer Krankheit“ und Altersdemenz hin; daraufhin erst wurde die Alzheimer Demenz zu einem grossen Thema der klinischen Psychiatrie und der Grundlagenwissenschaften. 1985 gründete Lauter die erste (kontinental-) europäische Gedächtnissprechstunde. Diese Einrichtung an der Technischen Universität München wurde das Modell für mehrere hundert Zentren zur ambulanten Untersuchung und Behandlung von Patienten mit Gedächtnisstörungen im deutschsprachigen Raum. Demenzforschung ist inzwischen zu einem medizinischen Breitensport geworden und die Demenz längst zu einem internationalen Problem, das auch die Entwicklungsländer betrifft. (modifiziert nach AVISO IV / 2006)