Hans Förstl


Die Zeit 21.09.2006 Nr. 39

Alzheimer:

Training gegen das Vergessen


Der Münchner Psychiater und Neurologe Hans Förstl betrachtet das Leiden als eine Alterserscheinungund und mahnt zu einem Bewusstseinswandel. Es kann jeden von uns treffen. Es kann jeden von uns treffen.
 
DIE ZEIT: Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Alzheimer-Patienten?
Hans Förstl: Ja, sehr gut. Das war ein älterer Herr, dem wir eine Reihe von Gegenständen vorlegten, die er erkennen sollte – ein Glas, eine Orange. Er hatte große Mühe. Als wir jedoch auf das Titelbild einer Zeitschrift zeigten, rief er sofort: »Das ist der Strauß!« Die Erinnerung war fest in seinem Langzeitgedächtnis verankert. Ein Patient mit der Alzheimer-Krankheit war damals noch von einigem Interesse. Inzwischen bezweifle ich, dass wir es überhaupt mit einer richtigen Krankheit zu tun haben.
ZEIT: Wie meinen Sie das? Allein in Deutschland leidet doch fast eine Million Menschen daran.
Förstl: Das stimmt. Etwa so viele Patienten leiden unter einer mittelschweren oder schweren Demenz, und meist steckt auch Alzheimer dahinter. Wir müssen uns aber klar machen, dass jeder Mensch an Alzheimer erkrankt, vorausgesetzt, er wird alt genug, um das zu erleben. Die Wahrscheinlichkeit, bis zum Alter von 100 Jahren eine Demenz zu entwickeln, beträgt fast 100 Prozent. Es stellt sich also die Frage, ob es sich nicht um den natürlichen Alterungsprozess des Menschen handelt.
ZEIT: Es heißt, ein Mensch mit Alzheimer nehme jeden Tag ein wenig Abschied vom Leben. Zunächst vergisst er nur eine Verabredung, dann erkennt er seine Kinder nicht mehr, schließlich muss er gefüttert werden. Was genau passiert im Gehirn?
Förstl: Aloys Alzheimer fielen im Gehirn der Auguste D. zwei seltsame Veränderungen auf. Zwischen den Nervenzellen lagern sich Eiweißklumpen, die so genannten Alzheimer-Plaques, ab. Das zugrunde liegende Protein ist unter anderem ein Abfallprodukt von Zelldifferenzierung und Lernen. Bei Alzheimer wird eine Form dieses Beta-Amyloids gebildet, das der Körper schlecht abbauen kann. Bei fortgeschrittener Degeneration können die Amyloid-Klumpen einen erheblichen Teil des Gehirns ausfüllen. Das Beta-Amyloid führt auf rätselhafte Weise dazu, dass im Inneren der Nervenzellen ein Transportprotein, Tau, vermehrt verklebt und sich fädig verwickelt. Vor allem im Lernapparat Hippocampus und in der Großhirnrinde sterben Nervenzellen ab.
ZEIT: Das alles spricht sehr für eine Krankheit.
Förstl: Auf den ersten Blick schon. Inzwischen wissen wir aber, dass der Prozess nicht plötzlich einsetzt. Schon mit 30 Jahren zeigen viele erste Veränderungen im Gehirn. Das betrifft mit zunehmendem Alter immer größere Hirnbereiche bei immer mehr Menschen.
ZEIT: Sollten wir zusehen, dass wir früh sterben?
Förstl: Lieber »memento Alzheimer« als »memento mori«. Es muss uns bewusst sein, dass es jeden treffen kann – und dass in unserer sehr alten Gesellschaft immer weniger da sein werden, um die Betroffenen zu pflegen. Zu ihrem eigenen Wohl und dem der Gesellschaft werden die Menschen darauf achten müssen, möglichst lange fit zu bleiben, geistig und auch körperlich.
ZEIT: Wie können sie das erreichen?
Förstl: Wir müssen uns möglichst anspruchsvolle Tätigkeiten suchen, eine Arbeit, die uns begeistert, aber Hauptsache, Arbeit! Auch Sport sollten wir treiben, nicht nur fernsehen, auch wenn das in Maßen ein gutes Hirntraining sein kann.
ZEIT: Ist tatsächlich erwiesen, dass ein aktives Leben das Alzheimer-Risiko senken kann?
Förstl: Wir wissen, dass ein Mensch, der immer geistig, körperlich oder sozial aktiv war, im hohen Alter fitter sein wird als andere. Und dass diejenigen, die dann noch fit sind, in noch höherem Alter seltener an einer Demenz wie Alzheimer erkranken.
ZEIT: Was deutet auf einen Zusammenhang zwischen Alzheimer-Risiko und Bewegung?
Förstl: Zum Beispiel Tierexperimente. Im vergangenen Jahr berichteten Forscher aus den USA von einer Studie an Mäusen, die genetisch so ausgestattet sind, dass sie an Alzheimer erkranken. Die Hälfte der Tiere wurde in eine Umgebung mit viel Spielzeug und viel Abwechslung gesetzt, die andere in ein langweiliges Umfeld. Nach fünf Monaten waren alle Mäuse aus dem interessanten Umfeld leistungsfähiger und schlauer als die anderen.
ZEIT: Was raten Sie älteren Menschen, die sich um ihre geistige Fitness sorgen?
Förstl: Alles, was interessant ist und Freude bereitet, das kann auch der laute Ärger über die Politik sein. Wichtig ist die Abwechslung zwischen eigener Beschäftigung und Interaktion mit anderen.
ZEIT: Das klingt einfach. Aber sind Ärzte in der Lage, frühe Alzheimer-Vorzeichen zu erkennen?
Förstl: Das ist ein heikler Punkt. Wir wissen, dass Vergesslichkeit ein frühes Symptom ist. Die können wir zwar messen, doch sind die Übergange von »noch normal« zur Demenz hinsichtlich der Leistungsfähigkeit im Alltag und bei der Tesuntersuchung fließend. Nicht sehr eindrucksvoll. Wir können dann noch im Kernspintomografen nach Veränderungen in der Gehirnstruktur suchen. Wir können sogar die Konzentration von Beta-Amyloid oder Tau in der Hirnflüssigkeit messen. Das alles ändert jedoch nichts daran, dass die Ergebnisse zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz eindeutig sind.
ZEIT: Sind dann diese Untersuchungen sinnvoll?
Förstl: Wir wollen vor allem vermeiden, dass etwas anderes, ein Hirntumor zum Beispiel, übersehen wird. Ganz wichtig ist es auch, eine Depression zu erkennen, die sich sehr ähnlich äußern kann, aber anders behandelt werden muss. Langfristig ist zu hoffen, dass Alzheimer nicht erst an späten Symptomen erkennbar wird, sondern ganz früh zu bremsen ist, etwa mit einer Impfung.
ZEIT: Wird eine Vakzine gegen Alzheimer kommen? Eine Studie des irischen Unternehmens Elan endete 2002 in einem Desaster: Patienten erkrankten nach einem Impfversuch an Gehirnentzündung.
Förstl: Wir können mit einiger Berechtigung auf eine Impfung hoffen. Im Gegensatz zu Vakzinen, die vor fremden Infektionserregern schützen sollen, richtet sich die Alzheimer-Impfung jedoch gegen körpereigene Eiweiße. Man weiß noch nicht genau, wie viele Funktionen diese Proteine im Körper sonst erfüllen und welche Folgen ihre Ausschaltung für uns hätte.
ZEIT: Müssen wir uns noch Jahrzehnte gedulden?
Förstl: Es werden viele andere Wirkstoffe erprobt, um Alzheimer zu verhindern. Es gibt etwa Hinweise, dass cholesterinsenkende Medikamente, die Statine, die Bildung von Beta-Amyloid vermindern können. Lithium könnte verhindern, dass die Tau-Eiweiße im Zellinnern verkleben. Andere Stoffe wirken auf die Gamma-Sekretase, um im Gehirn besser lösliche Eiweißbruchstücke zu produzieren. Doch werden wir Nutzen und Nebenwirkungen sehr sorgfältig abwägen müssen.
ZEIT: Wer wird von den Therapien profitieren?
Förstl: Vor allem jüngere Menschen mit einem hohen Erkrankungsrisiko, bei denen etwa Mutter oder Vater an Alzheimer erkrankt sind. Auch bei der Behandlung einer frühen Form der Demenz sehe ich Chancen. Ich fürchte aber, dass diese Wirkstoffe bei fortgeschrittenem Alzheimer wenig ausrichten.
ZEIT: Welche Therapie empfehlen Sie heute?
Förstl: Wichtig und häufig vernachlässigt ist die gewissenhafte Behandlung körperlicher Krankheiten, die indirekt die geistige Leistungsfähigkeit auszehren. Leider erhalten zu viele Patienten Beruhigungsmittel, welche die Demenz verstärken. Den Nutzen symptomatisch wirksamer Antidementiva beurteilt gerade das Institut für Qualitätssicherung und Wirtschaftlichkeit in der Medizin. Auch wenn diese kritische Einschätzung positiv ausfällt, werden viele Ärzte wegen des Kostendrucks die Substanzen allgemein versicherten Patienten erst dann verschreiben, wenn sie in einigen Jahren sehr billig geworden sind.
ZEIT: Welche weiteren Hilfen gibt es?
Förstl: Die häusliche Versorgung muss stabilisiert werden. Sie bricht meist dann zusammen, wenn pflegende Angehörige durch Isolation und Belastung keine ausreichende Ruhe mehr finden, selbst depressiv oder körperlich krank werden. Es würde mich nicht wundern, wenn sich die Lebensqualität der Patienten durch eine antidepressive Behandlung der Angehörigen fördern ließe. Aber hierzu fehlen wissenschaftliche Untersuchungen.
ZEIT: Müssen wir uns vor dem Altern fürchten?
Förstl: Nein, im Gegenteil! Der Mensch wird immer älter, weil der Anteil der gesunden Lebensjahre zunimmt. Ich finde es dumm, wie manche über die Demenz urteilen. Einige denken sogar darüber nach, in Patientenverfügungen festzulegen, ob sie im Falle einer Demenz weiterleben wollen. Wer weiß denn, ob ein Mensch mit Alzheimer nicht fundamental glücklich sein kann?

Das Gespräch führte Astrid Viciano