Hans Förstl


Constantin von Economo

(1929)

Die Encephalitis lethargica, ihre Nachkrankheiten und ihre Behandlung


Allgemeine Einleitung.

1. Entdeckung und Benennung der Erkrankung.

Zur Zeit der Jahreswende 1916/17 lagen an der Wiener psychiatrischen Klinik eine ganze Anzahl von Fällen, welche untereinander ein zwar recht disparates Symptomenbild boten, doch die gemeinsame Eigenschaft hatten, sich in kein bisher bekanntes Krankheitsbild leicht einreihen zu lassen. Sie waren auf die Klinik gebracht worden unter den verschiedensten Diagnosen, als Meningitis, akute multiple Sklerose, Amentia, Delirien u.a.m. Sie zeigten alle ein leicht grippöses Prodromalstadium mit leichten pharyngealen Erscheinungen und geringer Fiebersteigerung, worauf bald nervöse Symptome zwar sehr verschiedener Art einsetzten, doch war meistens seitens des Mittelhirns das eine oder andere Symptom vorhanden. Einige dieser Patienten waren mir besonders durch ihre eigentümliche, häufig mit Augenmuskelstörungen gepaarte Schlafsucht auffällig und ich erinnerte mich gleich der sagenhaften Schlafkrankheit Nona, die in den Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts in Norditalien grassierte und von der ich in meiner im damals noch österreichischen Küstenland verbrachten Jugend reden gehört hatte. Obschon keine eingehenderen wissenschaftlichen Berichte über diese im Volksgedächtnis verewigte Krankheit vorlagen, so lag der Zusammenhang für mich doch nahe. Die exakte Untersuchung der ersten zur Obduktion gekommenen Fälle ergab regelmäßig das Bild einer in mikroskopisch kleinen Herden ausgestreuten Entzündung des Zentralnervensystems, welche jedoch beinahe ausschließlich die graue Substanz ergriff und sich besonders im Mittelhirn mit Vorliebe fixierte. Es war mir aus dem ziemlich konstanten anatomischen Bilde sofort klar, daß es sich hier trotz der in den Einzelfällen untereinander so verschiedenen klinischen Krankheitsformen doch um eine eigenartige Krankheitseinheit handeln müsse 1). Der etwas später gemeinsam mit Prof. v. WIESNER unternommene Impfversuch erwies die Übertragbarkeit der Erkrankung auf den Affen und somit den infektiösen Charakter der Erkrankung. Ich habe diese zu dieser Zeit noch ganz neue, epidemisch auftretende, primäre Polioencephalomyelitis nach dem frappantesten Bilde, das sie damals an den schlafenden Kranken bot, als Encephalitis lethargica bezeichnet und habe schon in den Veröffentlichungen des Jahres 1917 auch viele nicht lethargische Fälle angeführt, z. B. Fälle mit bulbären Störungen, Fälle mit maskenartigem Gesichtsausdruck, die ich als an Wilsonsche Krankheit erinnernd bezeichnet habe (heute nennt man sie Parkinsonismus), ferner psychotische Fälle, choreatische und auch monosymptomatische Fälle (z.B. reine Augenmuskellähmungen); ich habe auch gleich in meinem allerersten Vortrag die wahrscheinliche Identität dieser Krankheit mit früheren Epidemien der Nona u. ä. m. erwähnt. Wenn ich dies alles hier wieder besonders betone, so geschieht es deshalb, weil bei der Bedeutung, die diese Krankheit in baldiger Folge durch ihre furchtbaren Epidemien gewonnen hat und bei dem ungeheuren Strome einer neuen Literatur, die sie hervorgerufen hat, nur die wenigsten der späteren Bearbeiter derselben wohl Zeit und Muße gefunden zu haben scheinen, mehr als den Titel meiner ersten Veröffentlichungen zu lesen; dementsprechend scheinen sie geglaubt zu haben, daß ich damals 1916/17 bloß die somnolente Form dieser Erkrankung beschrieben hatte. Da nun aber in den späteren Epidemien das Schlafsymptom gegenüber der Häufigkeit anderer Symptome manchmal in den Hintergrund getreten ist, hat die Lust am Modifizieren sich in Unkenntnis des tatsächlichen Inhalts dieser ersten Veröffentlichungen nicht entsagen können, wenigstens den von mir gegebenen Namen zu ändern und die Bezeichnung Encephalitis lethargica durch Encephalitis epidemica zu ersetzen. Eine Verbesserung liegt in dieser Namensänderung keineswegs, auch nicht mit Rücksicht auf das gelegentliche Fehlen des Schlafsymptoms; denn es ergibt die Statistik, daß auch in denjenigen Fällen, in denen der Schlaf nicht eines der auffälligsten Symptome ist, er doch gewöhnlich zu irgend einer Zeit der Erkrankung sich krankhaft einstellt oder daß sich zumindest die Schlaffunktion in irgend einer anderen, noch später zu besprechenden Form (als Schlaflosigkeit oder Schlafumkehr u. a. m.) auffallend gestört erweist. Wie wir später sehen werden, hängt dies von der prädilektiven Lokalisation der Entzündungsherde an eine bestimmte Stelle des Zentralnervensystems ab, und zwar am Obergange vom Mittel- ins Zwischenhirn. Zählt man auch noch alle diese Fälle zusammen, so sieht man, daß die Schlaffunktion bei 80 — 85% der Erkrankungen an dieser Encephalitis in irgend einer Form gestört ist. Es hat also der Beiname „lethargica“ auch weiterhin seine volle Berechtigung, trotz des gelegentlichen Fehlens des Schlafes, ebenso wie der Ausdruck „Paralysis agitans“ z. B. ein plastischer Name ist, obwohl man auch häufig bei dieser Krankheit gerade den Tremor vermißt. Die Umänderung des Namens in Encephalitis epidemica ist außerdem um so mehr eine Änderung zum Schlechteren, als es andere epidemisch auftretende Encephalitiden gibt, welche mit dieser spezifisch eigenartigen Encephalitis nichts gemeinsam haben, z. B. die STRÜMPELLSCHE Encephalitis des Kindesalters, vielleicht auch die neuerlich in Japan epidemisch aufgetretene Encephalitis [KANEKO u. A0KI], ferner die epidemische Encephalomyelitis migrans [ALBRECHT], die Encephalomyelitis disseminata [REDLICH] u. a. m., so daß man durch diese nicht sehr geschickte Umbenennung mit der Zeit offenbar zu Verwechslungen und Ungenauigkeiten geführt werden wird; so sehen sich die genannten japanischen Autoren veranlaßt, die von ihnen beschriebene Erkrankung als Encephalitis epidemica, Typus B, zu bezeichnen! Das epidemische Auftreten charakterisiert so viele Infektionskrankheiten, daß es kaum als Beiwort zur Erhöhung des Verständnisses beiträgt; man hätte wenigstens dann von einer Polioencephalitis epidemica sprechen sollen. Doch genug über diese Wortspielereien. Habent sua fata libelli. Heute bezeichnen die mehr einer plastischen Auffassung der Krankheitsbilder zuneigenden Ärzte die Krankheit meistens mit dem ursprünglichen Namen Encephalitis lethargica, während die mehr zum Kategorisieren geneigten häufiger das Beiwort epidemica gebrauchen.
Als ich im Winter 1916/17 in Wien dieses neue Krankheitsbild der Encephalitis lethargica aufstellte, bezeichnete ich diese Erkrankung infolge ihres leicht febrilen Prodromalstadiums und infolge der Rolle, welche der Nasen- und Rachenraum dabei als Infektionspforte spielt, als eine „grippöse“ Erkrankung und habe gleichzeitig an die Ähnlichkeit des Krankheitbeginns mit dem der epidemischen Meningitis erinnert. Ich betone jedoch hier speziell, daß sich damals gleichzeitig in Wien zwar ziemlich viel „Verkühlungsfälle“ vorfanden, doch hat sich damals keine besonders heftige Steigerung der auch sonst um diese winterliche Jahreszeit stets vorhandenen influenzaartigen Erkrankungen, insbesondere keinerlei Epidemie derselben gezeigt. Der Ausdruck „Grippe“ war seit 1890 gegenüber der scheinbar durch den PFEIFFERschen Bazillus erzeugten „Influenza“ damals noch obsolet; er hat seine Wiedergeburt erst zwei Jahre später gefeiert und ich wählte damals demnach den Ausdruck „grippös“ gerade, um jedem präjudizierenden anderen Worte auszuweichen. WIESNER hat auch gleich damals nachweisen können, daß diese neue Erkrankung nicht durch den PFEIFFERschen Influenzabazillus hervorgerufen ist. Alle nachträglich versuchten Korrekturen an diesem Tatbestand in dem Sinne, als ob schon damals der Beginn der späteren Grippeepidemie eingesetzt hätte, beruhen auf Erinnerungstäuschungen, welche leider zum Teil auch irrtümlich in zahlreiche Monographien über die Encephalitis übergegangen sind. Ich hatte ja, mit Rücksicht auf das von mir als „grippös“ bezeichnete Initialstadium, doch besonders auf diesen Punkt geachtet. Speziell dieser Umstand war es, der, gemeinsam mit dem eigentümlichen pathologisch-anatomischen Befund der elektiven Erkrankung der grauen Substanz, der diese Fälle von der PFUHL-LEICHTENSTERNschen hämorrhagischen Influenzaencephalitis (des weißen Marklagers) deutlich unterscheidet, mich veranlaßte, dieses damals neue Krankheitsbild der Encephalitis lethargica aufzustellen. Vielmehr habe ich gleich zu Anfang diese Krankheit als eigene Einheit dem anatomischen Bilde nach in Parallele gestellt zur Poliomyelitis, zur Lyssa und zur ebenfalls epidemisch auftretenden BORNAschen Encephalitis der Pferde. Erst einundeinhalb Jahre später trat die Grippe — „spanische Grippe“, wie sie anfangs genannt wurde — auf und forderte bald als Pandemie ihre Hekatomben; in ihrem Gefolge flackerte auch die Encephalitis wieder auf, ein Umstand, auf den wir später noch wiederholt zu sprechen kommen werden. Es waren jedoch die allerersten Fälle von Encephalitis, wie sich nachträglich historisch feststellen ließ, sogar schon beinahe ein Jahr, bevor ich die Erkrankung als neue Krankheitseinheit erfaßte, in einzelnen Ländern Europas aufgetreten. So hat CRUCHET behauptet, im Winter 1915/16 mehrere Erkrankungsfälle dieser Art beim französischen Militär in Verdun beobachtet zu haben, ferner sollen sogar noch vorher in Rumänien einzelne Fälle von Urechia schon im Frühjahr des Jahres 1915 gesehen worden sein, ohne daß die Eigenartigkeit dieser neuen Erkrankung jedoch damals von den Beobachtern richtig erfaßt worden wäre; die Beschreibung ist jedoch genau genug, um einzelne von ihnen nachträglich mit unserer Encephalitis zu identifizieren. Es hat sich auch darüber (dies sei gegenüber STERNS diesbezüglichen unrichtigen Angaben betont) bis heutigentags nie ein eigentlicher Prioritätsstreit entwickelt, wie gerade die Übernahme des von mir gebrauchten Terminus Encephalitis lethargica durch die verschiedenen französischen Autoren [NETTER, SICARB, VINCENT, LEVADITI u. a. m.] sogar noch während der Kriegszeit gezeigt hat, und es sind gerade französische Autoren gewesen, wie z. B. NETTER, LEVADITI, welche vorschlugen, die Encephalitis lethargica als Encephalitis Economo zu bezeichnen, ein Vorschlag, den einzelne deutsche Autoren, wie PAPPENHEIM und LUGER, befolgt haben. Durch die Ermittlung nun, daß die ersten Erkrankungsfälle möglicherweise sogar aus dem Jahre 1915 datieren könnten, läßt sich aber ein für allemal die bedeutsame Tatsache feststellen, daß die Encephalitis sicher schon zwei, vielleicht gar drei Jahre vor dem ersten Auftreten der Grippeepidemie beobachtet worden ist.
Schon zwei Jahre nach meiner Beschreibung der ersten akuten Fälle der Encephalitis lethargica konnte ich eine Beobachtung veröffentlichen welche zum ersten Male auch das Vorkommen von chronischen Erkrankungsformen klinisch und anatomisch erwies. Die späteren Epidemien waren noch viel reicher an Fällen, bei welchen die E. l. einen chronischen Verlauf nahm oder bei welchen sich nach einer vorübergehenden anscheinenden Heilung chronisch verlaufende Nachkrankheiten von ganz eigenartiger Symptomatologie und Bedeutung einstellten. Dementsprechend werden wir auch die klinische Beschreibung dieser Krankheit in zwei Teilen durchführen, und zwar nach der allgemeinen Einleitung (Kapitel 1) zuerst die akuten Zustände mit ihren klinischen, pathologisch-anatomischen Befunden, der Ätiologie, Therapie usw. beschreiben (Kapitel II) und dann in einem zweiten klinischen Teil (Kapitel III) erst die chronischen Nachkrankheiten, welche sich in den letzten Jahren als eine solche Plage für die Menschheit entpuppt haben, mit ihrer Symptomatologie, Ätiologie, Therapie usw. darstellen.
Schon die ersten von mir beschriebenen Epidemien, noch mehr aber die in den folgenden Jahren aufgetretenen späteren, haben die E. l. zu einer äußerst schweren Erkrankung gestempelt. Diese betrübende Prognose der Erkrankung, welche höchstens ein Drittel Heilungen zu erwarten erlaubt, während mindestens ein Drittel der Fälle zum Tode und ungefähr ein Drittel zu chronischen Nachkrankheiten führt, wird nur einigermaßen durch die große Bedeutung aufgewogen, welche die Kenntnis der E. l. für unsere neurologischen und psychiatrischen Erkenntnisse gewonnen hat, da man füglich sagen kann, daß sie diesen beiden Gebieten der Forschung in gewissem Sinne eine neue Orientierung gegeben hat. Auf diese rein wissenschaftliche Folge der E. l. werden wir am Schlusse unserer Auseinandersetzungen in einem eigenen Kapitel IV noch zurückkommen.
Erst nachdem dieses mein Manuskript dem Verlage der Neuen deutschen Klinik eingesendet war, sind zwei Arbeiten erschienen, auf die infolgedessen bloß in einer kurzen Einfügung hier noch Rücksicht genommen werden kann und muß, weil diese beiden nun nach Jahren versuchen wollen, die oben kurz erwähnte Prioritätsfrage nochmals aufzurollen, und zwar die eine Arbeit von CRUCHET selbst, „L‘encéphalite épidémique“ (Verlag Doin, Paris 1928), die andere vom Göttinger Professor STERN, nämlich die zweite Auflage seines Buches „Die epidemische Encephalitis" (Verlag Springer, Berlin 1928, S. 274).
Auf diese neue Arbeit CRUCHETS muß ich mich hier etwas ausführlicher einlassen. CRUCHET hat im Laufe der Jahre 1915, 1916 und 1917 eine Reihe (40) eigenartiger Hirn-Rückenmarkserkrankungen gesehen, die, in ihrer Symptomatologie untereinander recht verschieden, in ihm die Vermutung aufdämmern ließen, sie könnten zueinander in einer gewissen Beziehung stehen. Nun sucht CRUCHET sich jetzt nachträglich eine Priorität der Entdeckung der Encephalitis lethargica aus dem Umstand zu konstruieren, daß er an die Société medicale des hôpitaux de Paris eine Mitteilung darüber eingesendet hat, die unter dem Titel „Encéphalomyélite subaigue (diffuse)“ am 27. April 1917 im Bulletin dieser Gesellschaft veröffentlicht wurde. Da er diese Mitteilung am 1. April von Bar-le-Duc abgeschickt haben will, möchte er auf Grund dieses Postdatums Prioritätsansprüche erheben. Demgegenüber sei es mir gestattet, folgendes festzustellen (s. Wr. klinische Wochenschrift, 1929, Nr. 12): 1. Es ist aus leicht ersichtlichen praktischen Gründen in wissenschaftlichen Fragen allgemeine Gewohnheit, Prioritäten nach dem Datum der Veröffentlichung zu beurteilen. Als Veröffentlichung kann aber bloß eine Veröffentlichung durch Druck oder durch öffentlichen Vortrag gelten. Die Veröffentlichung des Herrn CRUCHET erfolgte aber eben erst am 27. April, während ich in der Gesellschaft für Neurologie und Psychiatrie in Wien meinen unter dem Titel „Die Encephalitis lethargica“ ordnungsmäßig angekündigten öffentlichen Vortrag bereits am 17. April 1917 tatsächlich hielt (s. Jahrbücher f. Psych. u. Neurolog., Bd. XXXIX. S. 202), also 10 Tage vor CRUCHETS Veröffentlichung. Es kann somit bezüglich des Datums meiner Priorität kein Zweifel mehr bestehen. (Wenn aber CRUCHET ganz ungewohnterweise den Tag der postamtlichen
Einsendung seiner Beobachtungen — 1. April 1917 — auch als den Geburtstag seiner Priorität geltend machen möchte, so müßte ich dann  ebenso wieder den Termin der Anmeldung meines Vortrages geltend machen, welche für die monatlich bloß einmal stattfindende Versammlung der Gesellschaft für Psychiatrie und Neurologie wohl schon im März erfolgt sein muß). 2. Obschon das Datum der Veröffentlichung also zweifellos entgegen CRUCHETS Behauptung mir die Priorität sichert, lege ich keineswegs dieser Frage der Daten, welche von einer Menge äußerlicher Zufälligkeiten abhängig sind, irgend welchen besonderen Wert bei. Es kommt meiner Ansicht nach bei einer solchen Angelegenheit gar nicht so sehr auf den genauen Zeitpunkt an, wann eventuell jemand zuerst eine vage Annahme der Zusammengehörigkeit einiger sonderbarer Krankheitsfälle geäußert hat. Unsere medizinische Wissenschaft kann es nicht als eine wertvolle Bereicherung ihres Wissensschatzes ansehen, wenn jemand eine gewisse Ähnlichkeit zwischen einigen Fällen vermutet, auch wenn er diese Vermutung anderen mitteilt, wie CRUCHET mit den Worten: „On est frappé d‘un certain air de famille.“ Denn solche Beobachtungen und Vermutungen sind doch an Kliniken etwas Alltägliches und können ebensogut falsch als zufällig richtig sein. Erst dann, wenn es gelingt, diese Annahme des Vorhandenseins einer neuen Krankheitseinheit deutlich und einwandfrei zu beweisen durch eine Summe von klinischen, pathologisch-anatomischen, bakteriellen und anderen sich ergänzenden Befunden und bei Epidemien noch durch den zeitlichen Nachweis des Seuchencharakters, erst dann können wir sagen, daß die Wissenschaft eine Bereicherung erfahren hat. Dies alles hat aber CRUCHET, wie wir jetzt gerade aus seiner neuerlichen Veröffentlichung seiner damaligen Beobachtungen deutlich erkennen, absolut nicht getan.

a) Die klinischen Angaben über seine Beobachtungen sind, wenn uns die E. l. nicht schon gründlich bekannt wäre, nicht überzeugend genug, um die Differentialdiagnose in seinen Fällen gegenüber anderen Möglichkeiten (Lues, Tumor, Hemiplegie usw.) und vor allem gegenüber anderen Encephalitiden sicherstellen zu können. Wenngleich unter seinen Patienten auch einige (allerdings sehr wenige) Fälle von Encephalitis lethargica möglicherweise vorhanden sind, finden wir unter der großen Anzahl angeführter Symptome gerade die für diese Erkrankung typischen Symptome seitens des Mittelhirns und des angrenzenden Hirnstammes, um welche sich dann die der zahlreichen Varietäten der E. l. sekundär gruppieren, gar nicht prägnant hervorgehoben. Entweder hat sie CRUCHET übersehen oder sie waren nicht vorhanden; dann ist es aber überhaupt zweifelhaft, ob es sich bei seinen Fällen um E. l. gehandelt hat. Es ist daher auch gar nicht verwunderlich, daß auch CRUCHETS nähere Umgebung und sogar seine eigenen Landsleute mit dieser vagen Beschreibung und Vermutung nichts anzufangen wußten und daß sogar die später im nahen England aufgetretene Erkrankung anfangs als Wurst- und Gasvergiftung usw. angesehen wurde, bis erst durch NETTERS Bekanntmachung meiner Arbeiten die E. l. in Frankreich und England erkannt und dank NETTERS loyalem Vorgehen auch dort so bezeichnet wurde.
 
b) CRUCHET hat es auch verabsäumt, den pathologisch-anatomischen Befund aufzuklären, durch den allein es mir schon möglich war, bei meinem ersten Vortrage am 17. April 1917 die Einheitlichkeit meiner neuen Erkrankung einwandfrei zu erweisen. Der Befund der Entzündung, vor allem der grauen Substanz ohne jede Neigung zur Nekrose, und zwar besonders des Mittelhirns, mit Gefäßinfiltrationen, Ringblutungen, Gewebsinfiltrationen und die Ganglienzellerkrankung ist zwar nicht pathognomonisch, aber doch typisch und es ist diesen allerersten Befunden seit damals nicht viel Neues zugefügt worden. Nach den eigenen Angaben CRUCHETS, S. 112 seiner Monographie, wurde der pathologisch-anatomische Befund nur eines seiner Fälle, und dies sogar erst 1919, veröffentlicht (Fall Nr. 49). Dadurch ist zwar die entzündliche Natur eines seiner Fälle (aber lange nicht der Mehrzahl derselben) erbracht worden, jedoch erst nachträglich, statt von vornherein als Grundlage für ein neues Krankheitsbild, wie es nötig gewesen wäre. Aber dadurch ist nicht die Identität dieses einen Falles und daher noch viel weniger der übrigen Fälle CRUCHETS mit der E. l. nachgewiesen worden. Dazu beging auch damals CRUCHET noch den Fehler, ohne jede anatomische Grundlage die Krankheit Encéphalomyélite diffuse zu nennen. Die Entzündung bei der E. l. ist aber gar nicht diffus, sondern multipel herdförmig, hauptsächlich im Mittelhirn lokalisiert und die graue Substanz beinahe allein ergreifend !

c) Auch den experimentellen Beweis für die infektiöse Natur der Erkrankung hat CRUCHET nicht erbracht; denn er ist, wie er selbst S. 133 sagt, über einige negative Impfversuche an Meerschweinchen nicht hinausgekommen, während ich gemeinsam mit v. WIESNER schon gleich in den ersten Wochen 1917 die experimentelle Übertragbarkeit der Erkrankung auf den Affen gezeigt habe.

d) Es scheint auch nach dem Inhalt dieser letzten Veröffentlichung, daß das eigentliche Wesen dieser Erkrankung CRUCHET damals nicht klar geworden ist; denn während die E. l. eine hauptsächlich epidemisch auftretende Krankheit ist, dürfte CRUCHET dies übersehen haben und sagt auf Seite 21 seiner Schrift: „On ne rencontrait pas en effet le caractére nettement épidémique.“ Nach dieser Verkennung des epidemischen Charakters der E. l. mutet der Umstand, daß CRUCHET, um dem von mir gebrauchten Ausdruck E. l. aus leicht verständlichen Gründen auszuweichen, jetzt erst recht den Namen „Encephalite épidemique" auf sein Titelblatt setzt, beinahe wie Selbstironie an.

e) Auf einen weiteren großen Irrtum muß hier hingewiesen werden. Aus dem von mir der neuen Krankheitseinheit gegebenen Namen E. lethargica versucht CRUCHET nochmals, so wie es schon einige vor ihm getan haben, die Dinge so darzustellen, als ob ich bloß die somnolenten Formen der Erkrankung beschrieben hätte. Zur Entschuldigung dieses Irrtumes will ich gern annehmen, daß CRUCHET keine meiner Arbeiten im Original gelesen hat; denn diese Fabel ist schon aus diesem Umstand zurückzuweisen, als sogar von den 13 ersten, in meinem allerersten Vortrag angeführten Krankheitsfällen nur 7 die somnolente Form, die übrigen 8 aber andere Symptome des wechselreichen Bildes der E. l. ohne Schlummersucht aufwiesen.

Wenn also sogar betreffs des Datums der Veröffentlichung keineswegs eine Priorität bezüglich der E. l. Herrn CRUCHET gebührt, so gebührt ihm, und das ist wohl die Hauptsache, betreffs der Erkennung des Wesens dieser Erkrankung eine Priorität schon gar nicht. Daß angesichts der Tatsache eines Vorsprunges von 1 1/2 Jahren, dem CRUCHET den Glückszufall seiner ersten Begegnungen (1915?) mit solchen Krankheitsfällen zu verdanken glaubt, für ihn sehr ärgerlich ist, will ich gerne zugeben. Heute kennen wir ferner eine Anzahl Encephalitiden, die sogar auch epidemisch auftreten können und nicht identisch mit meiner Enc. lethargica epidemica sind, z. B. die Enc. pontis et cerebelli REDLICHS, die Encephalomyelitis migrans ALBRECHTS, die japanische epidemische Encephalitis u. a. Was da CRUCHET vielleicht, von Fehldiagnosen abgesehen, an ganz disparaten Dingen in einen Topf geworfen haben mag, entzieht sich bei seinen ungenauen klinischen Angaben und dem vollkommenen Fehlen anatomischer und experimenteller Befunde derzeit unserer Beurteilung!
Über die zweite Auflage von STERNS Buch „Die epidemische Encephalitis“, in der er S. 271: für CRUCHETS Priorität eine Lanze bricht, kann ich diesbezüglich nur wiederholen, was ich ebenfalls schon anderwärts in einer kritischen Besprechung dieses Werkes am Schluß meiner Ausführungen gesagt habe: Die Kapitel der Geschichte und der Epidemiologie der Encephalitis haben darin eine neue Umarbeitung erfahren, die allerdings kaum eine Verbesserung bedeutet. So wird das Märchen von CRUCHETS Priorität, das gerade CRUCHETS Landsleute selbst längst als nicht zu Recht bestehend abgelehnt haben, nunmehr dem deutschen Leser frisch aufgetischt, ohne die Ansprüche CRUCHETS auch nur im mindesten auf ihre Stichhältigkeit zu prüfen. Das Krankheitsbild der E. l. ist von der deutschen neurologischen Schule in Wien aufgestellt und demselben ist, den vielen anfangs entgegengesetzten Ansichten zum Trotz, nach jahrelangem wissenschaftlichen Kampf dank den Arbeiten der Wiener Schule schließlich allgemeine Anerkennung verschafft worden. Es gibt wohl kaum ein Kapitel dieser Erkrankung, das nicht auf die grundlegenden Wiener Untersuchungen aufgebaut wäre, so besonders auch das vorliegende Werk Dr. STERNS selbst. Dieser historischen Tatsache trägt aber trotzdem diese deutsche Monographie STERNS aus unerfindlichen Motiven in möglichst geringem Maße Rechnung.
Wir möchten allerdings gern annehmen können, daß STERN von der neuen Veröffentlichung CRUCHETS, aus der man die Halt- und Grundlosigkeit seiner Ansprüche so klar schon aus dem bloßen Vergleich der Daten entnehmen kann, zur Zeit, als die zweite Auflage seiner Monographie erschien, noch nichts wußte. Und wenn diese Richtigstellungen meinerseits gegen CRUCHET entgegen unseren sonstigen heimischen überhöflichen Gewohnheiten etwas zu temperamentvoll ausgefallen sind, so schreibe man dies dem recht natürlichen Unmut darüber zu, bemerken zu müssen, wie nach 12 Jahren, auf die Vergeßlichkeit des Publikums rechnend, der Versuch unternommen wird, geschichtliche Tatsachen, entgegen allen wissenschaftlichen Usancen, durch Übergehung der wesentlichen Fakta, durch Anführung von Poststempeln, durch Nichterwähnung von Befunden u. ä. m. umzudeuten.
Im Grunde genommen ist aber für die Geschichte der E. l. Herrn Dr. CRUCHETS Veröffentlichung sehr wertvoll, da uns durch dieselbe die Möglichkeit gegeben war, seine bisher nur in unbestimmter Art vernommenen Prioritätsansprüche ein für allemal als zeitlich und wesentlich absolut unstichhältig zurückzuweisen.