Hans Förstl


Ludwig II - Autopsie

Protokoll über die Sektion

der Leiche König Ludwig II.

vom 15.6.1886


1. Beurkundung der Sektion vom 15.6.1886.

Protocoll

München, den 15. Juni 1886

Gegenwärtig:
Seine Excellenz der Königliche Obersthofmeister, Gustav Graf zu Castell.
Seine Excellenz der Königliche Staats-Minister des Königlichen Hauses und des Aeußern, Krafft Freiherr von Crailsheim.
Der Geheime Sekretär im Königlichen Staatsministerium des Königlichen Hauses und des Aeußern, Friedrich Graf, als Protokollführer.
Die neben bezeichnete Commission hat sich heute in die Königliche Residenz begeben, wo in dem Marter-Zimmer die Sektion der Leiche Weiland Seiner Majestät des höchstseligen Königs Ludwig II. von Bayern von den hierzu berufenen Aerzten vorgenommen wurde. Der hiebei aufgenommene Sektionsbefund wurde dem gegenwärtigen Protokolle als Beilage beigeheftet. Geschehen wie oben.

2. Sektionsprotokoll
Protocoll über die am 15. Juni 1886 Morgens 8 Uhr in der Koeniglichen Residenz zu München vorgenommene Section der Leiche Seiner Majestät Koenig Ludwig des
Zweiten von Bayern.

Anwesend sind:
Seine Excellenz Minister des Äusseren Freiherr von Crailsheim; Seine Excellenz Obersthofmeister Graf zu Castell; Erlaucht, Director der Kreisirrenanstalt von Unterfranken, Dr. Hubrich; Professor Dr. Grashey, Oberarzt des Juliusspitales in Würzburg; Hofrath Dr. Hagen, Director der Kreisirrenanstalt in Erlangen; Geheimrath Professor Dr. von Ziemssen; Professor Dr. Kupfer, Leibarzt Geheimrath Dr. von Schleiss; Medicinalrath Dr. Brattler; Hofstabsarzt Dr. Halm; Hofstabsarzt Dr. Becker, Obermedicinalrath Dr. Kerschensteiner.
Die Obduction wurde vorgenommen von Universitätsprofessor Dr. Rüdinger unter Assistenz des Docenten Dr. Rückert. Das Sectionsprotocoll wurde verfasst von Geheimrath von Ziemssen unter Mitwirkung der übrigen anwesenden Sachverständigen.

Protocoll:

Die Leiche Seiner Majestät ist kaum enstellt, nur das Gesicht und der Hals etwas gedunsen, die Haut auf der Rückfläche des Rumpfes und der Extremitäten mit diffusen Todenflecken bedeckt, beide Ohrmuscheln und deren Umgebung stark cyanotisch, Leib etwas aufgerieben, auf der vorderen Brustwand eine etwa 2 Hände grosse bräunliche Verfärbung der Haut (etwa von Wiederbelebungsversuchen herrührend). Fettpolster stark entwickelt, äusserst kräftige Musculatur, Todenstarre gelöst. Nirgends sind Verletzungen an der Körperoberfläche, insbesondere keine Abschürfungen der Oberhaut am Halse oder Gesichte wahrnehmbar. Nur an den Knieen unter der Patella mehrere kleine Excoriationen. Gänsehaut an der rechten Brusthälfte und an der rechten Oberextremität, Cornea zum Theil central des Epitels beraubt, Pupillen mässig weit, beiderseits bleich. Äussere Genitalien wohlgebildet, keine Phimose, rechter Hoden etwas atrophisch. Rechterseits offene Bruchpforte von mittlerer Weite, mit einem Bruchband belegt. Die Zunge etwas zwischen den Zähnen eingeklemmt, der Oberkiefer fast zahnlos, mit einer Zahnpièce versehen, im Unterkiefer noch eine Anzahl lose sitzender Zähne (4 Schneide- und 2 Eckzähne). Körperlänge 191 Centimeter, Bauchumfang 120. An den Händen ausser leichter Cyanose der Nägel keine Anomalien, insbesondere keine Verletzungen. Kopfschwarte sehr dick (8,5 Millimeter), enorm venos hyperämisch, Pericranium externum im Ganzen blutreich, in der Parietalgegend beiderseits etwas verdickt, Schläfenmuskeln im Ganzen schwach entwickelt, blass. Schädel im Verhältnis zur Körpergröße ungewöhnlich klein (die genauen Masse folgen im Anhang) und etwas asymetrisch, so zwar daß der linke Stirnhöcker zurücktritt gegen den rechten und die linke Hälfte des oberen Abschnittes der Hinterhauptschuppe gegen die der rechten Seite. Der Diagonaldurchmesser von der Stirne links nach dem Hinterhaupt rechts = 172 Millimeter, der analoge andere Durchmesser 179 Millimeter. Halber Horizontalumfang rechts = 25,5, links 24,5, ganzer Horizontalumfang 50,0. Die Oberschuppe des Hinterhauptbeines erhebt sich im Niveau merklich über die Parietalie. Schädeldach ausserordentlich dünn, Diploe fehlt fast vollständig (Minimum 2,5, Maximum 3,0 Millimeter).
Die Sulci meningei trotzdem ziemlich tief entwickelt, schmal; Kranznaht u. Sagittalnaht an der inneren Seite des Schädeldaches vollständig verknöchert. An der Innenfläche der rechten Hälfte des Hirnbeines 2 Centimeter vom Tuber nach Innen zu eine 10 Millimeter lange und 5 Millimeter breite Exostose, an der Innenfläche der linken Stirnbeinhälfte circa 1 Centimeter von der Medianlinie entfernt eine hanfkorngrosse rundlige Exostose. Etwas weiter nach Unten und Vorne an dieser Seite noch zwei stecknadelgroße Exostosen. Am vorderen medialen Winkel des linken Seitenwandbeines erscheint eine markstückgroße Ausbuchtung, an welcher das Schädeldach den höchsten Grad der Verdünnung zeigt.
Sinus longitudinalis superior weit, besonders gegen die Occipitalgegend zu sich erweiternd, am vorderen Ende gegen die Crista Galli zu sich verengernd. Im Inneren des Sinus 5 verschieden grosse Gruppen Pacchionischer Granulationen, welche in das Lumen des Sinus vorragen.
Die Dura mater am Coronarrande des Stirnbeines gegen die Sagittalnaht zu beträchtlich verdickt, geröthet, blutreich, auf der Aussenfläche rauh und zottig, die Verdickung ist am stärksten in der Stirnbeingegend zu beiden Seiten des Sinus longitudinalis, etwa in der Mitte der grossen Hirnsichel, nahe dem Längsblutleiter, eine fast erbsengrosse platte Knochenablagerung.
Am Clivus der Schädelbasis findet sich eine stachelförmige Exostose, welche etwa 2 Millimeter über das Niveau der Dura mater in die Schaedelhöhle vorspringt. Die rechte Hälfte der Sattellehne zeigt einen angeborenen Defect. An der Vorderfläche der linken Felsenbeinpyramide befindet sich eine gerade nach aufwärts gerichtete Protuberanz von circa 1 Centimeter großem basalem Durchmesser, welcher am Schläfenlappen des Grosshirns eine Vertiefung von gleichem Umfang entspricht. Die Sattellehne ist verdickt und in erheblicher Ausdehnung osteoporotisch, ebenso der Boden der vorderen Schädelgruben. Alle Venensinus der Basis cranii stark mit dunklem, flüssigem, gerinnselfreiem Blute gefüllt. Gehirn im Gewicht = 1349 Gramm mit Inschluß der weichen Häute (ohne Dura), die Arachnoidea auf beiden Hemisphären in Ausdehnung von 9 Centimeter verdickt, milchich weiss getrübt. Die einzelnen verdickten Stellen dehnen sich vom Medialrande aus über beide grossen Hemisphären lateralwärts etwa 5 Centimeter weit inselartig über den rechten Stirn und Scheitellappen aus, linkerseits in geringerem Grade, jedoch ist hier der erwähnten verdünnten Stelle am Schädeldach entsprechend eine etwas stärkere Erhebung vorhanden, welche wesentlich bedingt ist durch Verdickung der Arachnoidea und Pia mater. Diese verdickte Stelle entspricht dem medialen Ende der vorderen Centralwindung und dem Anfangstheil der ersten Stirnwindung.

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   "Daß Ergebnis der anatomischen Untersuchung des Schädels und des Schädelinhaltes Seiner Majestät des Königs Ludwig II. von Bayern dient zur Aufklärung der bei Seiner Majestät während des Lebens beobachteten Krankheitserscheinungen."

München, den 20. Juni 1886   

Ehrerbietigst gehorsamst
Dr. von Kerschensteiner