Hans Förstl


Der Ursprung visueller Halluzinationen


Nach 1490 hat Hieronymus Bosch die vier Visionen aus dem Jenseits gemalt. Sie sind heute im Dogenpalast zu bewundern, keine grossformatigen und spektakulären Werke. Auf drei Tafeln wird das bekannte Szenario dargestellt: das irdische Paradies, der Fall der Verdammten und die Hölle mit dem üblichen Personal.

Eine der Tafeln ist jedoch von besonderem neurobiologischem Interesse, nämlich „der Aufstieg der Seligen ins himmlische Paradies“ (siehe Umschlag): begleitet von Engeln schweben die seligen Verstorbenen im dunklen Raum auf eine helle Röhre zu und in ihr hinauf in das gleissende himmlische Licht. Dieser Hergang der Dinge ist inzwischen so zuverlässig bestätigt, wie ein eigentlich einmaliges Ereignis von so besonderer persönlicher Bedeutung überhaupt nur bestätigt sein kann, nämlich durch vielfache Berichte über Nah-Todes-Erlebnisse.

Neurobiologische Grundlage dieses Phänomens ist der rasch eintretende Azetylcholin-Mangel in der letzten cholinergen Wiese, dem temporo-parietal / okzipitalen Grenzbereich, dem sekundären visuellen Assoziationsareal. Natürlich ordnet Azetylcholin nicht allein die Informationsverarbeitung im visuellen System, sondern im gesamten ZNS. Der genannte Grenzbereich wird aber eben besonders grenzwertig versorgt.

Hier handelt es sich gleichzeitig um den entscheidenden Grundmechanismus aller visueller Halluzinationen. Eine ausgeprägte zerebrale Minderperfusion und Substrat-Mangel (präfinal), aminerge Übererregung bei beeinträchtigter cholinerger Kapazität (Alkohol-Entzugsdelir) und  vaskuläre (Blutung aus communicans-anterior Aneuryma) oder neurodegenerative Veränderungen im Nukleus basalis Meynert (besonders schwer bei der Demenz mit Lewy-Körperchen) können durch einen Azetylcholin-Mangel über visuelle Halluzinationen zum Vollbild eines Delirs führen.

Bosch hat die extremen Folgen eines Azetylcholin-Mangels bis zu Einengung des Gesichtsfelds eindrucksvoll illustriert und dem Motiv eine zeittypisch positive Wendung gegeben. In unserer profanen Epoche können wir die Funktionsstörungen unseres Gehirns nicht mehr mit der gleichen transzendentalen Sicherheit tolerieren.

Hans Förstl

(aus:  Demenzen - Perspektiven in Praxis und Forschung, U & F, 2005)