Hans Förstl


Theory of Mind


Einleitung

Hans Förstl
 

Begriff

Die Bezeichnung „Theory of Mind“ (= ToM) ist mehrdeutig und ihre Bedeutung muss vorab erklärt werden, um deutlich zu machen, worum es in diesem Buch geht. Fodor (1978) sowie Premack und Woodruff (1978) benutzten diesen Begriff für eine spezielle geistige Leistung, nämlich die Fähigkeit bzw. den Versuch eines Individuums, sich in Andere hineinzuversetzen, um deren Wahrnehmungen, Wünsche und Absichten zu verstehen. Die folgenden Beiträge befassen sich also nicht mit allgemeinen philosophischen Theorien über die Natur, Eigenschaften und Funktionen des menschlichen Geistes (philosophy of mind), mit dem Leib-Seele-Problem oder deren modernen Lösungsversuchen im Kontext von Neurobiologie und Neurophilosophie. Die letztgenannten Disziplinen tauchen aber durchaus auf, soweit sie zum Verständnis jener speziellen ToM beitragen.

ToM ist die Grundlage sozialen, „sittlichen“ Verhaltens. Ohne Interesse am Anderen, ohne Gefühl für dessen Bedürfnisse und ohne differenziertes Verständnis seiner Perspektiven entwickeln sich weder Mitgefühl, noch Rücksicht oder Respekt. Eine Reihe von Beispielen in diesem Band beschreibt Störungen der ToM, die zu erheblichen Defiziten in der sozialen Interaktion führen. Ein Mangel an ToM kann bei manchen Personen mit autistischer Veranlagung erhebliche Reserven für Spezialbegabungen frei setzen („idiots savants“); dies kann als Hinweis darauf bewertet werden, wie viele Ressourcen normalerweise durch ToM-Leistungen gebunden sind. Die ToM repräsentiert zwar eine besondere und ständige menschliche Leistung, die in einigen Berufssparten besonders hoch entwickelt werden kann. Neben dem Menschen gibt es aber auch andere Lebewesen, die ihren Erfolg durch interindividuelles Verständnis optimieren können.


Verwandte Leistungen und Konzepte

Empathie mit Übernahme vorwiegend der emotionalen Innenperspektive einer anderen Person unter Wahrung einer gewissen beobachtenden Distanz („als-ob“-Bedingung). Empathie bezeichnet zumeist die wohlwollende und gegebenenfalls therapeutisch wirksame emotionale Zuwendung des teilnehmenden Beobachters ohne vorsätzliches Augenmerk auf die Intentionen des Anderen hinsichtlich etwaiger Konsequenzen für den Beobachter selbst. Die Bandbreite dieser Emotions-betonten Gefühlsübernahme reicht von der emotionalen Ansteckung des Kleinkindes („emotional contagion“; Simner, 1971), bis zur sensiblen Artikulation von Stimmungen in sozialen Gruppen durch deren Führungspersönlichkeiten (Hsee et al. 1990).

Mimesis als Nachahmung (Imitation), womit notwendigerweise auch die Annäherung an die Innenperspektive des Dargestellten erfolgt. Die Darstellung wirkt umso authentischer, je erfolgreicher der Nachahmer in die emotionale und kognitive Situation des Nachgeahmten eintaucht (siehe im Schauspielunterricht die „Lee Strassberg-Methode“). Die intensive Darstellung von Gefühlen ist nach der Theorie von James und von Lange zwangsläufig mit deren subjektiver Wahrnehmung verbunden. Eine Sonderform der Mimesis repräsentiert die Identifikation mit anderen und Übernahme von deren Auffassungen und Verhaltensmustern.

Hermeneutik, das Verstehen, der intellektuelle Zugang zum Untersuchungsobjekt. Da der Götterbote Hermes seine Botschaften im Allgemeinen verschlüsselt überbrachte, mussten diese erst interpretiert, ausgelegt werden. Friedrich Schleiermacher erweiterte die bloße Exegese klassischer Schriften, welche der Begriff damals bezeichnete, um die Aspekte des Wiedererlebens und Einfühlens. Wilhelm Dilthey entwickelte die Einfühlungshermeneutik zu einer psychologisch nützlichen Disziplin. Karl Jaspers (1959) behauptete, bei dem Verstehen handele es sich entweder um ein Erhellen oder um ein Entlarven, stets aber sei dieses Deuten verbunden mit einer „Grundstimmung des Dahinterkommens“. Gedankenleser und Wahrsager verfügen über ein kommerziell nutzbares und sehr psychologisches – keineswegs parapsychologisches – Talent, empfängliche Personen zu identifizieren, zum Sprechen zu bringen und Ihnen mit anderen Worten das Erfahrene wieder vieldeutig und überzeugend mitzuteilen; sie sind Meister der ToM.

Soziale Intelligenz, nach Thorndike (1920) die Fähigkeit, Menschen zu verstehen und zu „managen“, kurz, hinsichtlich menschlicher Beziehungen klug und erfolgreich zu handeln. Die Evolutionsbiologie entdeckte Elemente des Machiavellismus, die nicht nur bei politischen Prozessen in Großgruppen wirksam seien, sondern als machiavellistische Intelligenz-Leistungen auch in einem kleinen Personenkreis zum eigenen Vorteil eingesetzt werden können. Trivers (1971) definierte den reziproken Altruismus, durch den nicht allein die Gruppe -wie in der klassisch soziologischen Auffassung Auguste Comtes - profitiere, sondern – bei geschickter Bilanzierung von persönlicher Investition und Rendite – auch das handelnde Individuum. Damit werden komplizierte Kosten-Nutzenberechnungen der Wirtschaftsmathematik, die intelligenten Lebewesen teilweise intuitiv zugänglich sind, zu einer Basis sozialer Kontrakte. Am Spiel erfolgreich zu partizipieren vermögen nur jene Individuen, die Betrug und Betrüger durch sensible Perspektivübernahme identifizieren. Die perfekteste Täuschung jedoch gelingt (siehe Mimesis), wenn der Akteur selbst an die Richtigkeit seines Handelns glaubt (adaptive Selbsttäuschung; Trivers 1985).

Alltagspsychologie (folk psychology; common sense psychology; mentalizing), die menschliche Neigung, alle möglichen Objekte, Zustände und Ereignisse mit psychologisierenden Worten zu beschreiben, die eine bestimmte Charaktereigenschaft, Gefühlslage, Absicht etc. ausdrücken (siehe Beitrag E. Ferstl). Dies ist in erster Linie als Beleg dafür anzusehen, wie routiniert wir mit diesen Konzepten umgehen und wie selbstverständlich den Objekten Eigenschaften unserer subjektiv erlebten Innenwelt übergestülpt werden. Jaspers (1959) behauptete, die Psychoanalyse sei nichts als eine solche verstehende Populärpsychologie. Tatsächlich werden „Übertragung“ und „Gegenübertragung“ (Projektion von frühkindlichen oder kollektiv unbewussten Einstellungen auf den Therapeuten und dessen emotionale Reaktion auf Übertragung, Widerstand und Regression des Patienten), also die wechselseitige Unterstellung eigener innerer Wahrnehmungsmuster und Reaktionsweisen im analytischen Prozess thematisiert. Die wissenschaftliche Nutzbarkeit dieser Alltagspsychologie wurde hinterfragt (Fodor 1987). Moderne, validierte Therapieverfahren nutzen gezielt explizit Erkenntnisse über die ToM (siehe Beitrag Dykierek et al.).


Philosophie

Zufolge dieser Untersuchung also, o Menon, scheint die Tugend durch eine göttliche Schickung denen einzuwohnen, denen sie einwohnt. Das Bestimmtere darüber werden wir aber erst wissen, wenn wir, ehe wir fragen, auf welche Art und Weise die Menschen zur Tugend gelangen, zuvor an und für sich untersuchen, was die Tugend ist. Jetzt aber ist es Zeit, dass ich wohin gehe. (Platon / Schleiermacher)

Nach Platon wird das sittliche Empfinden und Verhalten den Tugendhaften von den Göttern
eingegeben. Es scheint also nicht der Mensch, der sich selbst verantwortlich Gedanken macht, wie er dem Anderen gerecht werden kann, sondern eine höhere Macht, die für tugendhaftes Verhalten sorgt. In der antiken Philosophie spielte die intellektuell reizvolle Frage nach dem Zugang zum Geist des Anderen demgemäss keine dominierende Rolle. Die Welt – und damit auch die anderen Menschen – wurden als gegeben hingenommen (Avramides, 2001).

Durch die Trennung zwischen Leib und Seele stellten sich jedoch in der Folge mehrere Hindernisse zwischen das Selbst und die Anderen. Als schweres Handicap bei deren Überwindung erwies sich der radikal sezierende Skeptizismus von Descartes.

Als vorsätzliche öffentliche Provokation (einer abwesenden Außenwelt) und tragische Selbstinszenierung wandten sich Philosophen so verschiedener Denkrichtungen wie Schopenhauer oder Wittgenstein ganz ab von der gemeinsamen Welt und tauchten in ihr einziges, einsames Innenleben.

Sprachphilosophische Gegenstimmen, die auf  Analogieschlüsse vom Selbst zum Anderen oder auf die Zwangsläufigkeit des Solipsismus bei übertrieben sparsamen Grundannahmen verwiesen, machten weit weniger Eindruck (Malcolm, 1958; Russell, 1948). John Stewart Mill (1889) bemühte früh den Analogieschluss, um von sich zum Nächsten zu gelangen: äußere Einwirkungen (A) lösen im eigenen Körper eine Reihe von Veränderungen (B) aus, die dann zu bestimmten Gefühlen und Verhaltensweisen (C) führen. Beobachte man nun bei Anderen (A) und (C), könne man (B) annehmen und nachvollziehen.

Lipps (1907) ging von einem „Instinkt der Einfühlung“ aus und befand im Gegensatz zu Mill, dass es sich bei der Einfühlung eben nicht um einen logischen Schluss handle, „sondern um eine ursprüngliche und nicht weiter zurückführbare, zugleich höchstwunderbare Tatsache“. Diese Position wird durch neuere neurobiologische Ergebnisse gestützt (siehe unten). Dasselbe gilt für die Auffassung Wilhelm Diltheys (1910), der zwar die Existenz eines fremden Ich für einen „rätselhaften Tatbestand“ hielt, um den man nicht wirklich wisse, an dessen Realität man aber glaube. Dilthey meinte in Vorwegnahme moderner Diskussionen über die ToM, dass das Erleben des eigenen Zustands und das Nachbilden eines fremden Zustands im Kern des Vorgangs einander gleichartig seien (Diskussion bei Schlossberger, 2005).

Max Scheler beschäftigte sich immer wieder mit dem Grund zur Annahme eines fremden Ich und wandelte dabei seine Auffassung von einer logischen Grundannahme hin zur unmittelbaren Wahrnehmung des Anderen. 1913 formulierte er eine „Phänomenologie und Theorie der Sympathiegefühle“, in der er vier Formen eines Ich/Du-indifferenten gemeinsamen Fühlens, Verstehens und Teilnehmens an den Gefühlen Anderer unterschied: die Gefühlsansteckung bzw. Einfühlung, das Nachfühlen, das Mitfühlen und die Liebe. Elemente der ToM stecken zweifelsfrei in jener Schelerschen Sympathie-Form und waren seither unter verschiedenen Titeln Inhalt experimenteller Studien.

Selbst an einem kritischen Punkt, wo keine heftigere Erschütterung möglich schien, gelingt es in der modernen Philosophie noch radikalere Grundpositionen zu vertreten als sie in Folge des kartesischen Skeptizismus entwickelt worden waren. Das Selbstbewusstsein des modernen Individuums wird weiter  gedemütigt, wenn Metzinger (2003) die Existenz einer kontinuierlichen, personalen Identität grundsätzlich in Frage stellt. An deren Stelle setzt er ein phänomenales Selbst als Prozeß für das bewusst wahrnehmende Subjekt, das ganz aus objektiven Ereignissen in der Umwelt entstehe.

Dieser deprimierende Ansatz führt jedoch nicht notwendigerweise zum Verlust aller Rechte der Persönlichkeit, sondern lenkt eher den Blick auf die Bedeutung von tatsächlichen Verhalten und vermuteten Absichten.

William James (1890)  wies bereits vor seiner Konversion zur Philosophie als scharfsinniger Psychologe daraufhin, dass der Mensch so viele „soziale Selbsts“ besitze, wie er Beziehungen eingehe. Dies deckt sich mit der aktuellen Auffassung von Leary (2004), nach der das Selbst über das Individuum hinaus weise.

Das Soziale Selbst eines Menschen ist die Anerkennung, die er von seinen Bezugspersonen erhält. Wir sind nicht nur Gruppentiere, die sich gerne in Sichtweite ihrer Artgenossen aufhalten, sondern wir haben ein angeborenes Bedürfnis nach Anerkennung –  und zwar positiver Anerkennung - durch unsere Mitmenschen. Man könnte keine gemeinere Bestrafung ersinnen, als – falls dies überhaupt möglich wäre – einen Menschen vollkommen aus der Gesellschaft zu entlassen und ihn überhaupt nicht mehr wahrzunehmen. ... (James, 1890)

Paul Churchland (1986) vermutete einen evolutionären Druck auf die Anpassung des Zentralnervensystems, von dem erwartet werde, wichtige Ereignisse in der Umwelt vorherzusehen; herausragende Bedeutung für das individuelle Überleben kommt dabei häufig jenen Ereignissen zu, die von anderen Lebewesen verursacht oder nur beabsichtigt werden.

Dennett (1988) erkannte einen Vorteil in der Berechnung fremder Absichten („intentional stance“) und sogar in eigenen Verhalten gegenüber anderen Lebewesen, Pflanzen und sogar leblosen Objekten, als hätten diese ein ähnliches Innenleben mit vergleichbaren Denk- und Handlungsprinzipien wie wir selbst („agency“). Diese hilfreiche Illusion des Subjekts erlaubt eine aufmerksame  und ernsthafte Sammlung differenzierter Informationen auf den Boden eigener Vorerfahrungen und Vorüberlegungen. Ferner trägt sie zur Selbstbestimmung, Anpassung und Selbstsicherheit in einer gar nicht mehr so fremden Umwelt bei (Blackmore, 1999).


Psychologie

Das Feuer im Ofen heizt, auch wenn wir nicht dabei sind. Also, sagt man, wird es dazwischen wohl auch gebrannt haben, in der warm gewordenen Stube. Doch sicher ist das nicht und was das Feuer vorher getrieben hat, was die Möbel während unseres Ausgangs taten, ist dunkel. Keine Vermutung darüber ist zu beweisen, aber auch keine, noch so phantastische, zu widerlegen. Eben: Mäuse tanzen auf dem Tisch herum, und was tat oder war inzwischen der Tisch? Grade, dass alles bei unserer Rückkehr wieder dasteht, „als wäre nichts gewesen“, kann das Unheimlichste von allem sein. (Bloch, 1930)

Die Alltagserfahrung widersteht allzu scharfsinnigen Kritiken und selbst Philosophen reden miteinander, als hätten sie es mit interessanten, Selbst-ähnlichen Lebewesen zu tun. Ernst Bloch (1930) empfahl zwei praktisch und ökonomisch vorteilhafte Maßnahmen bei der Weltgestaltung durch Denker und Demiurg, nämlich räumliche und zeitliche Konstanz, z.B. erstens ein Stuhl ist ein Stuhl und zweitens er bleibt es und zwar genau da, wo er stand, selbst wenn wir den Raum verlassen. Um ein anderes Beispiel zu wählen, ein Mensch mit schwarzen Haaren und seltsamen Angewohnheiten wird mit  höchster Wahrscheinlichkeit die Haarfarbe nicht wechseln und vermutlich die Angewohnheiten beibehalten, während der Betrachter kurzzeitig den Rücken kehrt. Andere Lösungen wären denkbar, sind aber nur mit großem Aufwand zu bewerkstelligen und zu beobachten und besitzen darüber hinaus nur eine geringe lebenspraktische Bedeutung. Bei bestimmten psychischen Erkrankungen wird belastenderweise, in philosophischen Seminaren wird vorsätzlich und kurzfristig als geistige Leibesübung von diesen ökonomischen und dadurch vernünftigen Grundannahmen abgewichen.

Erneutes Interesse gewinnen derartige Experimente im Kontext von psychologischer und neurobiologischer Forschung. Reizvolle Paradigmen wurden entwickelt, um die Abweichungen von der allgemeinen, vermeintlich kollektiv wahrgenommenen Objektkonstanz zu überprüfen. Was können andere Personen wissen, in deren Abwesenheit bestimmte neue Informationen nur den aufmerksamen Beobachter angeboten werden? Von welchen falschen Annahmen müssen die Anderen, wenn sie zurückkehren und zwischenzeitlich nichts Relevantes beobachten konnten zwangsläufig ausgehen? Geprüft wird in diesen „false belief“-Paradigmen natürlich nicht das Wissen des Anderen, sondern die Fähigkeit des Beobachters, den Perspektivwechsel zu vollziehen und sich in den Kenntnisstand des Anderen hineinzuversetzen und aufgrund dieses Perspektivwechsels dessen Einschätzungen zu berechnen. Dabei lassen sich unterschiedliche Ebenen der Komplexität, des „um die Ecke Denkens“ prüfen (Cummins, 1998; Dennett, 1988):
1.    x glaubt p
2.    x möchte, dass y glaubt, z wolle p
.
.
.
6.    Peter glaubt (1), dass Judith denkt (2), dass Renate möchte (3), dass Peter vermutet (4), dass Judith beabsichtigt (5), Renate in dem Glauben zu lassen (6) usw.... (Beispiel aus Dunbar, 2004)

Bis zur fünften Berechnung – oder 5. Stufe der Intentionalität – lassen sich für den mittelmäßig begabten Beobachter  bei ausreichend interessanter Fragestellung die einzelnen Perspektiven noch recht erfolgreich und ohne große Mühe nachvollziehen; danach fällt die Leistung stark ab (Dunbar, 2004; Kinderman et al, 1998). Man kann über die Beziehungen zwischen unserer Fähigkeit um die Ecke zu denken einerseits und andererseits der Grösse sozialer Gruppen oder der Kapazität unseres Arbeitsgedächtnisses spekulieren.


Neurobiologie

1938 entdeckten Klüver und Bucy wichtige Verhaltensänderungen bei Rhesus-Äffchen, denen chirurgisch der vordere Anteil des Temporallappens einschließlich der Amygdala entfernt worden war. Sie wurden einerseits ruhiger, passiver, gleichgültiger und zeigten andererseits Zeichen einer oralen und sexuellen Enthemmung sowie weitere soziale Regelverletzungen. Entscheidend war hierbei offenbar die Läsion  der Amygdala, die ansonsten an der Vermittlung der emotionalen Bedeutung von Umweltreizen beteiligt ist (Downer, 1961). Dieses System wirkt wesentlich an der Vermeidung gefährlicher Situationen mit. Die operierten Rhesus-Äffchen wurden entweder von ihrer Horde ausgestoßen oder getötet.

Differenzierte mimetische oder empathische Leistungen können jedoch nicht von Alarmsignalen vermittelt werden, sondern sind auf subtilere Mechanismen angewiesen, die bei interessanten Wahrnehmungen ein feineres Mitschwingen und einen Nachklang erlauben.
Gastaut und Bert (1954) konnten erstmals nachweisen, dass das Betrachten von Filmsequenzen zu ähnlichen elektroencephalografischen Änderungen führte, wie selbst-initiierte Handlungen.

Weit verteilte Neuronensysteme, die für diese Resonanz zuständig sind, wurden insbesondere von der Arbeitsgruppe um Rizzolatti untersucht und als Spiegelneuronen („mirror neurons“) bezeichnet (Gallese et al, 2004; Umilta et al, 2001). Diese Spiegelneuronensysteme stellen ein wesentliches Substrat für grundlegende Mechanismen der ToM dar. Ihre Beschreibung liefert ein wichtiges Argument für die Bedeutung der „Simulationstheorie“ (Gallese und Goldman, 1998; Gazzaniga, 2005), im weiteren sogar für das „soziale Kontagion“, das neurophysiologisch angelegte Mitempfinden, Mitleid, Mitmachen (Hatfield et al., 1994; Simner, 1974) sowie einen daraus resultierenden Altruismus (Empathie-Altruismus Hypothese; Smith, 1759).

Die gebremsten Mitberechnung einer beobachteten Bewegung, die gedämpfte emotionale Anregung durch fremde Empfindungen sind lehrreich und vermindern das Überraschungsmoment, wenn Gefahren aus einem Hinterhalt auftauchen in dem sie vorher verschwunden waren. Derartige Analysen werden durch parallel arbeitende und quer-vernetzte Gehirne auf eine breitere empirische Basis gestellt und dabei ökonomischer und erfolgreicher durchgeführt.

Sozial besonders wichtige Signale werden dabei individuell in spezialisierten neurobiologischen Subsystem bearbeitet, die etwa im inferotemporalen Kortex auf spezielle Körper- und Gesichtsformen sogar bestimmte Personen ansprechen (überspitzt als „Großmutter-Neurone“ bezeichnet; Gross et al., 1972).

Arnold Gehlen (1978) beklagte sich in der letzten selbst vorgenommenen Revision seines Werkes „Der Mensch, seine Natur und seine Stellung in der Welt“, dass die Neurowissenschaft noch nichts Befriedigendes über die Vorgänge im Nervensystem – denn dort sei die gesamte Gesetzlichkeit menschlicher Leistungen irgendwie „vertreten“ – sagen könne, die insgesamt zu immer erfolgreicheren Lösungen angesichts der elementaren Belastungen des Menschen beitrügen. Vermutlich fände er die jüngsten Ergebnisse der Hirnforscher ganz relevant für die Erklärungen dessen, was er als „Entlastungsprinzip“ bezeichnete. Er verstand darunter in erster Linie die Entlastung  vom „Instinktdruck“.


Religion

Ihr sollt nicht stehlen, nicht täuschen und einander nicht betrügen. ... Du sollst Deinen Nächsten nicht ausbeuten und ihn nicht um das Seine bringen. ... Du sollst einen Tauben nicht verfluchen und einem Blinden kein Hindernis in den Weg stellen. ... Ihr sollt in der Rechtsprechung kein Unrecht tun. ... Du sollst Deinen Stammesgenossen nicht verleumden und Dich nicht hinstellen und das Leben Deines Nächsten fordern. ... Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst. Ich bin der Herr. AT, Leviticus 19, 11-18

In der Einheitsübersetzung der Bibel (1980) wird in einer Fussnote zum Alten Testament, Leviticus 19, darauf hingewiesen, dass  in Israel nur der Volks- oder Glaubensgenosse als Nächster betrachtet und durch entsprechende Regeln geschützt war. Jesus habe die Nächstenliebe auf alle Menschen ausgedehnt (Matthäus 5, 43; Lukas 10, 27-37: Liebt Eure Feinde; tut denen Gutes, die Euch hassen, ...).

Einige grundlegende Aspekte der neutestamentarischen Forderung nach Nächstenliebe, die mit der ToM zu tun haben erscheinen bereits neurobiologisch verankert. Aus soziobiologischer Sicht dienen Riten und Religionen der Kommunikation und Gruppenkohärenz. Sie wirken Identitäts-stiftend und fördern die Moral in mancher Hinsicht (Boyer, 2000; Wilson, 2000). Gleichzeitig erlauben sie die Ausgrenzung Ungläubiger mit geringerem Heilsanspruch und damit geringerem Wert; sie vermindern in der Praxis die Skrupel bei der Elimination dieser Fremden zu einem höheren Zwecke. Religionen dienen Gruppen um Ziele zu erreichen, die bei geringerem Zusammenhalt oder von Einzelpersonen nicht erreicht werden könnten (Wilson, 2000). Die Lebensverhältnisse der Menschen, vor allem deren Wirtschaftsform determinieren die Ausgestaltung der Religion und insbesondere des Gottesbildes; in patriarchalischen Gesellschaften herrscht ein Gottvater, bei Hirtenvölkern erscheint er als guter Hirt etc. (Lenski, 1970). Dieser liebe Gott erscheint als Extrapolation und Personifikation jenes sozialen Regelwerkes, das letztlich auf der ToM beruht.

Arnold Gehlen (1978) betrachtete die Fantasie als götterschaffende Kraft, deren hauptsächliche Leistung darin bestehe, den Menschen über das Bewusstsein seiner Instabilität, Riskiertheit und Ohnmacht heraus zu reissen. Nicht die Furcht, sondern die Überwindung der Furcht schaffe Götter.

Nach dieser Entdeckung des weltexzentrisch gewordenen Seinskernes war dem Menschen noch ein doppeltes Verhalten möglich: Er könnte sich darüber verwundern und seinen erkennenden Geist in Bewegung setzen, das Absolute zu erfassen und sich in es einzugliedern – das ist der Ursprung der Metaphysik jeder Art; sehr spät erst in der Geschichte ist sie aufgetreten und nur bei wenigen Völkern. Er könnte aber auch aus dem unbezwinglichen Drang nach Bergung – nicht nur seines Einzel-Seins, sondern zuvörderst seiner ganzen Gruppe – aufgrund und mithilfe des ungeheuren Phantasieüberschusses, der von vorneherein im Gegensatz zum Tiere in ihm angelegt ist, diese Seinsphäre mit beliebigen Gestalten bevölkern, um sich in deren Macht durch Kult und Ritus hineinzubergen, um etwas von Schutz und Hilfe „hinter sich“ zu bekommen, da er im Grundakt seiner Naturentfremdung und –vergegenständlichung – und dem gleichzeitigen Werden seines Selbstseins und Selbstbewusstseins – ins pure Nichts zu fallen schien. Die Überwindung dieses Nihilismus in der Form solcher Bergungen, Stützungen, ist das, was wir Religion nennen. (Scheler, 1983)

 

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